Religionswissenschaftlerin und Indologin Wissenschaftliche Referentin für Weltreligionen Lehrbeauftragte für Indische Religionen
Religionswissenschaftlerin und IndologinWissenschaftliche Referentin für WeltreligionenLehrbeauftragte für Indische Religionen  

Liane Wobbe, in: Materialdienst, 6/14

 

Der Wettlauf von Ganesha und Murugan

Zwei Hindugötter erobern Berlin.

 

In der indischen Mythologie gibt es folgende Geschichte:

Ganesha und Murugan, die beiden Söhne des Götterpaares Shiva und Parvati, wurden von ihren Eltern beauftragt, einmal das Universum zu umkreisen. Derjenige, welcher als erster wieder vor seinen Eltern steht, sollte mit der Frucht der Weisheit belohnt werden. Daraufhin ritt Murugan auf seinem Pfau einmal um die Welt, in der sicheren Annahme, er wäre zuerst da.  Ganesha, etwas dick und träge, hatte eine bessere Idee. Er setzte sich auf sein Reittier, die Ratte, und umkreiste einmal seine Eltern mit der Begründung: „Das Universum seid Ihr“. Die Eltern fühlten sich geschmeichelt und belohnten ihn dafür mit der versprochenen Frucht.

Der Hindugott Murugan erhält einen neuen Tempel

Eine Einweihungsprozession für Murugan

Die schwere braune Holztür des seit zwei Wochen eröffneten Hindu-Tempels in Berlin- Britz steht offen. Es ist Spätnachmittag, und eine Familie sitzt auf dem Steinfußboden vor dem Hauptschrein, in dem sich die Statue des tamilischen Gottes Murugan befindet. Vor dem Schrein liegt ein großer Teller mit Reis, Bananen, Kokosnüssen und Blumen. Verschiedene Lichthalter, deren kleine Pfännchen mit Butterschmalz gespeist sind, stehen daneben. Während ein Tempelbesucher eine von der Decke hängende Glocke läutet, beginnt der Priester mit der Puja-Zeremonie: Zuerst schwenkt er einen einflammigen Lichthalter dreimal im Uhrzeigersinn vor der Figur Murugans und singt Lobeshymnen in Sanskrit für den Gott. Dann kreist er dreimal ein Räucherstäbchen vor der Statue, wirft ihr Blumen zu und besprengt dieselbe mit Wasser. Nun nimmt er eine fünfflammige Lampe und beendet sein zirkulares Schwenken durch ein Beschreiben der Silbe Om in Tamilschrift vor den Augen Murugans. In diesem Moment, der den spirituellen Höhepunkt der Zeremonie darstellt, führen alle Gläubigen ihre zusammengelegten Hände an die Stirn und begrüßen die Gottheit mit einem lauten „Aro Hara“. Dann erfolgt eine Badezeremonie, genannt Kumbha-Abhisheka für Murugan. Der Priester nimmt mehrere Kupfertöpfe (Kumbha) und übergießt die schwarze Steinfigur mit heiligem geweihten Wasser[1]. Die Familie, die das Ritual gespendet hat, umrundet jetzt den Hauptschrein. Eine Frau aus dieser Familie erzählt, dass die Familienmitglieder extra aus London  angereist ist, um während der  heiligen 48 Tage nach der Tempeleröffnung ein Einweihungsritual im Wert von 450 € zu finanzieren, da nach ihrem Glauben daraus ein besonderer Segen für die Nachkommen resultiert.

Inzwischen hat sich unter den Tempelbesuchern, die jetzt über 100 zählen, eine aufgeregte Stimmung ausgebreitet, die von einem emsigen Hin - und Herlaufen, lautem Gemurmel und Zurufen sowie eiligem Hin- und Hertragen von Kultgegenständen und Opfergaben, wie Bananen, Kokosnüssen und Weihwasser bestimmt ist. An Steintöpfen schneiden einige Frauen die Blumen für die Puja. Denn gleich erfolgt eine ganz besondere Zeremonie für den  sechsgesichtigen Murugan, der an der rechten Wand in einem Schrein mit seinen beiden Frauen Valli und Devayana dargestellt ist. Wie an jedem Abend während der 48 Tage nach der Tempeleröffnung soll die geschmückte Bronzefigur Murugans um den Hauptschrein im Tempel getragen werden.  Einige tamilische Männer sind mit einem Dhoti bekleidet, einem Tuch, das anstelle einer Hose um die Hüfte geschlungen wird und vom Bauchnabel bis zu den Fußknöcheln reicht. Sie haben den Oberkörper frei und bereiten sich darauf vor, die schwere Figur aus dem Schrein zu heben. Einige Männer in Jeanshosen und Hemd werden angesprochen, beim Tragen mitzuhelfen, woraufhin diese ihr Oberhemd ausziehen und es einem Dhoti gleich um ihre Hüften wickeln. Denn beim Tragen der Götterstatue muss der Oberkörper frei sein. Als sich acht Träger zusammengefunden haben, versammeln sie sich vor der sechsgesichtigen Murugan-Figur. Unter lautem Zurufen der Tempelgemeinde heben sie das Götterbild mit zwei Lanzen auf ihre Schultern. Tamburin, Zimbeln und Trommeln werden dazu gespielt. Dann wird ein großer Prozessionszug in Bewegung gesetzt. Zwei Männer laufen mit brennenden Fackeln vor dem geschmückten Gott her. Ein Mann hält einen Schirm über ihm. Zwei weitere Männer wedeln der Statue mit zwei Yakschwänzen Wind zu. Die Priester laufen ebenfalls vor der Menschenmenge her und schieben einen kleinen Metallwagen, auf dem sich Ritualgegenstände, wie Lampen, Gefäße mit Kumkum und Sandelholzpaste, Blumen und Räucherstäbchen befinden. Während die ganze Gemeinde die Hymne: „Vande Vande“, (tamil, „Komm zu uns mit deinem Tanz“) singt, umrundet sie den Hauptschrein für Murugan.

Die Hindugemeinde aus Sri Lanka

In Berlin selbst sind 1095 Zuwanderer aus Sri Lanka gemeldet.[2] Während in dem Land selbst die Mehrheit den singhalesisch sprechenden Buddhisten und die Minderheit den tamilisch sprechende Hindus angehört, befinden sich unter den sri-lankischen Zuwanderern in Deutschland überwiegend tamilische Hindus. Auch die Hindugemeinde des neuen Murugan-Tempels kommt aus Sri Lanka. Sie setzt sich zusammen aus tamilischen Bürgerkriegsflüchtlingen und deren Nachkommen der zweiten und dritten Generation. Die ersten tamilischen Flüchtlinge, von denen die meisten Hindus, einige Christen und wenige Muslime sind, kamen  in den 1980er und 1990er Jahren mit Beginn des Bürgerkrieges in Sri Lanka nach Deutschland. In Berlin hatten in den ersten 10 Jahren einige Familien ihre Wohnungen für gemeinschaftliche Zeremonien zur Verfügung gestellt. Dann erwarb die Gemeinde 1991 eine Kellerwohnung in der Urbanstraße 176, baute sie zu einer hinduistischen Kultstätte aus und weihte sie dem tamilischen Gott Murugan. Schreine für Hindugötter wurden installiert, Priester aus Südindien fest angestellt und der Verein Hindu Mahasabhai e.V. als Träger der Tempels gegründet. Da die Mitglieder der Gemeinde shivaitisch[3] orientiert sind, wurde der Tempel auch nach shivaitischer Tradition geführt. Im Laufe der Zeit hatte sich der Tempel durch zahlreiche Spenden zu einer kommunalen hinduistischen Andachtsstätte entwickelt mit regelmäßigen Kultdiensten für die Götter und individuell durchgeführten Puja-Zeremonien für Hindufamilien. Doch mit der immer größer werdenden Hindugemeinde, die mittlerweile aus rund 300 Mitgliedern bestand und sich besonders am Freitag und zu den Festveranstaltungen in zahlreicher Anwesenheit im Tempel einfand, kam auch ein zunehmender Platzmangel zum Tragen. Zudem schränkten aufwendige Sanierungsarbeiten die vorgeschriebene Durchführung der Rituale ein. Das führte dazu, dass man für den Neubau eines Tempels nach südindischem Vorbild warb und nach einem geeigneten Platz dafür suchte. In Einigung mit dem Land Berlin und dem Bezirk Neukölln erwarb dann die Gemeinde das Grundstück in Britz an der Blaschkoallee/ Ecke Riesestraße. Nach dem Entwurf eines indischen Architekten haben die Mitglieder fünf Jahre mit verschiedenen Firmen an ihrem Bauprojekt gearbeitet. Die Kosten des Baus betrugen rund 800 000 Euro und  stammen zum einen Teil aus Spenden und Rücklagen des Tempelvereins, zum anderen Teil aus einem Kredit der  Berliner Volksbank. Im Sommer 2009 fand die rituelle Grundsteinlegung, die Bhumi  Puja statt. Am 7. und 8. September 2013 wurde der neue Tempel in Anwesenheit zahlreicher hinduistischer und nichthinduistischer Besucher mit feierlichen Ritualen eröffnet.[4] Der Priester, welcher gegenwärtig im Tempel angestellt ist und alle Puja-Zeremonien durchführt, kommt aus Chennai, einer Stadt aus dem südindischen Bundesstaat Tamil-Nadu.

Komfortablere Bedingungen für die Götter und deren Verehrer

Die Außenmauer des quadratischen, etwa 5m hohen Gebäudes  ist nach südindischem Vorbild rot-weiß gestreift. Auf dem Dach ragen zwei Tempeltürme, sogenannte Gopurams empor,  die mit zahlreichen bunten Skulpturen aus der hinduistischen Mythologie versehen sind. Während der hintere Turm etwa 9 m hoch ist, beträgt der vordere Turm über dem Eingang eine Höhe von 11 m. Betritt man den Tempel, dann gelangt man durch einen winzigen Vorraum, der als Garderobe dient, direkt zum Hauptschrein des Gottes Murugan. Davor bewachen zwei installierte Torhüter, genannt Dwarabala, die im Schrein befindliche Götterfigur. Vor dem Hauptschrein ist mit Blick auf  Murugan der Pfau, das Reittier des Gottes, dargestellt. Dicht an der rechten Seitenwand des Hauptheiligtums ist ein winziger Schrein mit dem relativ unbekannten Gott Sandeshvara eingelassen. Die meisten Götter sind extra für diesen Tempel in Indien angefertigt worden und bestehen aus schwarzem Stein. Folgt man der Reihe im Uhrzeigersinn,  in dem die Götter während einer Puja-Zeremonie verehrt werden, dann trifft man an der hinteren Tempelwand links auf einen Schrein für den elefantenköpfigen Gott Ganesha. Bei ihm beginnt der Priester mit der Puja-Runde, damit auch alle weiteren Zeremonien „gelingen“. Gleich daneben findet sich ein Schrein mit dem Phallussymbol des Gottes Shiva, dem Shiva Lingam, auf dessen Besitz die Tempelbesucher mit Stolz verweisen, da es eine Neuheit in der hiesigen Götterabbildung darstellt. Etwas weiter rechts ist ein Schrein für den Gott Vishnu errichtet. Bei einer Drehung zur rechten Tempelwand erblickt man ganz links die tamilische Göttin Nagapushpani, welche als Inkarnation der großen Göttin Durga gilt. Läuft man an dieser rechten Tempelwand weiter, gelangt man zu einem großen Schrein, in dem alle Metallgötter des alten Tempels um die Figur des tanzenden Gottes Shiva gruppiert sind. Unter ihnen befindet sich auch der  sechs-gesichtige Murugan, das Götterbild aus Metall, welches bei Umzügen herumgetragen wird. An der linken äußeren Ecke derselben Wand sind die neun Planetengötter, die Navagrahas  in ein Becken eingelassen. Bei einer letzten Drehung steht man vor dem  Wächtergott Bhairava, der sich neben der Eingangstür befindet und dem die letzte rituelle Handlung gilt. Alle Götter, einschließlich des Shiva Lingams, sind in Saris gehüllt und mit Schmuck und Blumenketten behangen. In allen Schreinen brennt ein Lämpchen.

Links neben dem Eingang ist ein Büro. Hier werden die Aufträge für die Zeremonien entgegengenommen, Quittungen geschrieben und Opfergaben ausgehändigt.  In der sich daneben befindenden Küche bereiten die Priester das Essen für die Götter zu.

In diesem Tempel finden,  wie in Indien und Sri Lanka auch, periodisch wiederkehrende und persönliche, situationsbezogene Puja-Zeremonien statt. Zu den periodisch wiederkehrenden zählen die täglichen, wöchentlichen und jährlichen Zeremonien, die kalendarisch und größtenteils auch astrologisch festgelegt sind. Diese Rituale werden von den Priestern vollzogen, egal ob sich Besucher im Tempel befinden oder nicht. So werden die Götter allmorgendlich  mit einer Bade- und Ankleidezeremonie bedacht. Danach folgen die täglichen Verehrungsrituale zu sechs vorgegebenen Zeiten 8.00, 10.00, 12.00, 16.00 und 18.00 Uhr. In jeder Puja-Zeremonie werden den Göttern Licht, Räucherstäbchenduft, Blumenblüten, sakralisiertes Wasser (durch Mantren  und Gewürze) und Mantren entgegen gebracht, darüber hinaus auch Kokosnüsse, Bananen oder gekochtes Essen. Daran an schließt sich die Arati-Zeremonie, bei der die Besucher die Flamme des Lichtes berühren und zu ihrem Gesicht führen und sich Asche (Vibhuti), gelbe Sandelholzpaste (Turmeric) und rotes Pulver (Kumkum) als segnende Elemente an die Stirn tupfen. Anschließend singt die Gemeinde Hymnen für die Götter in tamilischer Sprache.

Puja-Zeremonien, die aus einem persönlichen Anlass heraus zelebriert werden, heißen Archana (sanskrit: Huldigung). Archana-Zeremonien werden von den Familien an den Priester in Auftrag gegeben. Sie sollen Wünsche gewähren oder Unheil abwenden und richten sich nach einem aktuellen persönlichen Anliegen, wie z.B. Geburtstag, Prüfung oder Krankheit. Während die preiswertesten und am häufigsten durchgeführten Archana-Zeremonien zwischen 5 € und 15 € kosten, liegt der Preis für ein aufwendigeres Opferritual bei 150-300 €.

 Da im neuen Tempel alle Götterstatuen aus Stein sind und sich an jedem Schrein ein Abflussrohr befindet, können die Götter auch täglich mit geheiligten Flüssigkeiten übergossen werden. Im alten Tempel war das nicht möglich, da es dort überwiegend Bronzestatuen gab.  Während die Mitglieder der Gemeinde im ehemaligen Tempel nur als Zuschauer auf dem Boden saßen und die Rituale des Priesters beobachteten, folgen sie ihm im neuen Tempel bei der Durchführung der Puja-Zeremonien von Schrein zu Schrein.

Der Bau des neuen Tempels ist für die sri-lankische Hindugemeinde von außerordentlicher Bedeutung. Nicht nur, dass jetzt ein Kultort zur Verfügung steht, der größer und prunkvoller ist als der alte, der Rituale in traditionsgerechterer Art erlaubt als bisher, sondern allein die Dauer einer 48-tägigen zeremoniell bestimmten Einweihungszeit wird als heilige Zeit gesehen, die einen großen Segen mit sich bringt. Sie lockte Hindus aus dem In- und Ausland an, von denen viele das Bedürfnis hatten, eine teure Einweihungs-Puja zu bezahlen, weil das Segen und Glück für die ganze Familie bis hin in nachfolgende Generationen bedeutet. Einen Tag vor Eröffnung des Tempels hatten die Besucher sogar die Möglichkeit, die Götterfiguren anzufassen und mit Sesamöl zu übergießen, eine Geste, die sonst nur dem Priester vorbehalten bleibt. Eine Frau erzählte ganz gerührt von diesem Erlebnis: „Es war, als würde man ein kleines Kind baden. In meinem Heimatland Sri Lanka kam es nie dazu, aber hier in Deutschland hatte ich das Glück.“

Ganesha muss noch auf seinen Tempel warten

Ein Fest für die Göttin Durga im Sporthallentempel

Am Eingang des geplanten Ganesha-Tempels in der Hasenheide  ertönt von weitem indische Musik. Es ist November, am Abend des vorletzten Tages von Nauratri, dem 9 Tage Fest für die Göttin Durga. Wer der Musik folgend das dunkle Wiesengelände überquert hat und in das Innere einer alten schuppenähnlichen, aber zu einem Tempelraum eingerichteten Sporthalle tritt, wird  Zeuge einer ausgelassenen Feierlichkeit. Frauen und Männer tanzen lachend im Kreis. In jeder Hand ein Stöckchen haltend, klopfen sie diese gegeneinander, und klatschen im Takt dazu. Dabei drehen sie sich um sich selbst, gehen in die Knie und improvisieren verschiedene Bewegungen. Es sind Hindus, die aus dem westindischen Staat Gutjerat stammen. Sie tanzen den Garbha-Tanz, einen gutjeratischen Tanz für die Götter, der heute der Göttin Durga gilt. Deren Bild steht links vom Eingang auf einem kleinen Altar, davor gekochtes Essen und kleine Lämpchen. Auf der rechten Seite des Eingangs befindet sich ein großer Schrein für den elefantenköpfigen Gott Ganesha. Hier bereiten inzwischen der Priester und einige indische Frauen alles für die nun folgende Puja-Zeremonie vor. Pünktlich um 18.00 Uhr wird die Glocke an der Decke des provisorischen Tempelraumes geläutet. Der hier fungierende Priester beginnt mit der Mantrenrezitation, während er eine Arati-Lampe vor der Ganesha-Figur aus Stein schwenkt. Weiterhin kreist er Räucherstäbchen vor der Statue, besprengt sie mit Wasser und wirft Blüten hinein. Es kommen immer mehr indische Besucher und nehmen auf den ausgelegten Teppichen vor dem Schrein Platz. In den vorderen zwei Reihen sitzen Hindus, die aus den südindischen Provinzen Kerala und Tamil Nadu stammen. Dahinter hat sich eine Gruppe von 30-40 afghanischen Hindus versammelt. Es fällt auf, dass diese sich nach dem Eintreten vor den installierten Götterfiguren niederwerfen, ihnen gekochtes Essen hinstellen und sich bei der Begrüßung gegenseitig umarmen. Von den übrigen Hindus unterscheiden sie sich auch rein äußerlich darin, dass die meisten Frauen einen Schal und einige Männer eine Kappe oder ein verknotetes Tuch auf dem Kopf tragen. In den letzten zwei Reihen stehen die gutjeratischen Hindus, welche heute auch die Organisatoren des Tempelfestes sind. Nach der Puja erfolgt die traditionelle Arati-Zeremonie, bei der der Priester mit einem Tablett durch die Reihen der anwesenden Besucher geht. Auf dem Tablett befinden sich die gelbe Sandelholzpaste Turmeric, rotes Kumkum-Pulver, hier genannt Sindur, und eine mit Butterghee gespeiste Arati-Lampe. Nachdem alle Gläubigen die Flamme mit ihren Fingerspitzen kurz berührt und sich etwas Sindur und Turmeric an die Stirn getupft haben, versammeln sie sich um den Altar der Göttin Durga. Während nun nacheinander immer zwei Hindus das Tablett mit der Arati-Flamme vor der Göttin kreisen lassen, singt die anwesende Hindugemeinde das traditionelle Arati-Lied:  „Om Jai  Jagadisha Hare“ (sanskrit, „Ehre sei dir, Herr des Universums“). Am Ende setzen sich alle zum indischen Essen zusammen.

 

Die indische Hindugemeinde

In Berlin sind 3018 Bürger aus Indien registriert.[5] Die Mehrheit der Inder, die in Deutschland leben, ließ sich in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren hier nieder. Es handelte sich dabei überwiegend um Studenten, Praktikanten und fertige Akademiker aus verschiedenen Bundesstaaten Indiens. Die sprachlich größten Gruppen bildeten Punjabis, Keralesen, Bengalen, Tamilen und Gutjeratis. Als Ärzte, Wissenschaftler und Geschäftsleute übten und üben sie bis heute im Wesentlichen typische deutsche Mittelschichtsberufe aus. Religiös gesehen gehört die Mehrheit von ihnen dem Hinduismus an. Es gibt außerdem Muslime und Sikkhs sowie wenige Buddhisten, Christen, Jainas und Parsen. Die religiösen Richtungen innerhalb des Hinduismus differieren allerdings sehr stark.  Selbst in Berlin gibt es neben den verschiedenen regionalen Gruppen auch noch einmal Shivaiten, Vishnuiten, Durga- und Kali-Verehrer und zahlreiche Hindus, in deren religiösem Zentrum lokale Gottheiten Indiens stehen. Je nach regionaler Herkunft und Sprache schlossen sie sich in den 1970er und 1980er Jahren zu verschiedenen Vereinen zusammen, die vor allem dazu dienten, regionale Feste auszurichten und soziale Hilfe zu leisten. So bildeten sich u.a. das Tamilische Kulturzentrum, das Bengalische Durga-Puja-Komitee, das Südindische Indian Unity-Center, ein Gutjerati-Verein sowie ein Verein von Mitgliedern aus Andhra Pradesh. Während die sri-lankische Hindugemeinde seit 1991 einen festen Kultort besaß, war es für indische Hindus in Berlin üblich, dass sie sich mangels steter Kulträume in indischen Kulturinstitutionen, gemieteten Fabrikhallen oder Kirchenräumen trafen, um wenigstens ihre Feste nach hinduistischer Tradition zu feiern. Manche Inder führten auch Zeremonien in ihren Wohnungen durch und ließen andere indische Hindus daran teilhaben. Unzufrieden jedoch mit dieser temporären Kultsituation setzten sich 2003 erstmalig verschiedene indische Hindus zusammen und planten unter der Leitung des damaligen Tamilischen Kulturzentrums, einen Tempel für Hindugötter zu bauen. Man einigte sich darauf, diesen Tempel dem elefantenköpfigen Gott Ganesha zu weihen. Aus diesem Anlass heraus gründeten die Initiatoren den Verein: Sri Ganesha Hindu Tempel e.V.. Das Bezirksamt Neukölln verpachtete dem Sri Ganesha Hindu Tempel - Verein ein 1300 Quadratmeter großes Grundstück im Volkspark Hasenheide am Ausgang zum Herrmannplatz. Zur Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2006 sollte hier der erste repräsentative Hindutempel Berlins stehen, auf dem Gelände, auf dem 1811 Turnvater Jahn den ersten Freiluftsportplatz errichtete. Die noch stehende baufällige Holzturnhalle sollte  abgerissen und an dessen Stelle ein hinduistisches Gotteshaus im Wert von 1,5 Mio € gesetzt werden.  Auf verschiedenen indischen Festen und Veranstaltungen, gern auch in Anwesenheit des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky und des damaligen Berliner Integrationsbeauftragten Günter Piening, wurde um Spenden für die geplante Götterresidenz geworben. Als besondere Puja sei hier die Bhumi Puja, die sogenannte Grundsteinlegung genannt, die im September 2005 auf dem Boden der Hasenheide stattfand. Weiße Ziegelsteine aus Beton wurden zeremoniell geweiht und den Gästen symbolisch zum Verkauf angeboten. Diese konnten dann ihre Spenden dafür abliefern. Leider reichte das gespendete  Geld bis heute nicht, die geplanten Bauvorhaben in die Tat umzusetzen. Die baufällige Turnhalle steht immer noch, aber sie wurde zu einem Tempelraum umfunktioniert. Von einem Teil des gespendeten Geldes ließ der Tempelverein Schreine und verschiedene Götter in der Halle installieren, Teppiche auslegen und Stühle und Tische hineinstellen. Es wurde eine regelmäßige Puja-Veranstaltung eingeführt, so dass sich aus der vorher temporären Ritualsituation ein konstanter ritueller Kultort entwickeln konnte, der heute vor allem von südindischen und afghanischen Hindus, aber auch von Bengalen und Gutjeratis genutzt wird.

Zu den regelmäßigen Puja-Zeremonien erscheinen seit 2012 auch Hindus aus Afghanistan. Sie gehören zur religiösen Minderheit, die sich überwiegend in Hamburg, Essen und Frankfurt am Main zu Gemeinden zusammenschlossen. Unter  den zahlreichen muslimischen Afghanen, die in den 1990er Jahren aufgrund der Regierungsübernahme der Taliban aus ihrem Heimatland nach Deutschland geflohen sind, befanden sich auch viele Hindufamilien. Eine erste Gemeinschaft etablierte sich in Hamburg 1991 unter dem Namen Afghan-Hindu-Verein e.V.  In Berlin bilden die afghanischen Hindus innerhalb der Hindu-Gemeinde, die sich im provisorischen Ganesha-Tempel zusammenfindet, eine eigene ethnische, sprachliche und traditionell-hinduistische Gruppe. Ihre Kommunikationssprache ist Dari.[6]

Der Sporthallentempel in der Hasenheide - von einer temporären Kultsituation zu einem steten Provisorium

Seit 2008 steht dieser provisorische Sporthallentempel. In der schuppenähnlichen Tempelhalle befinden sich mittlerweile so viele Götter und Teppiche, dass eine richtige Tempelatmosphäre herrscht. Im Winter wird der gesamte Raum mit Heizstrahlern erwärmt. Der Hauptschrein besteht aus reich verziertem Holz mit einer Ganesha-Figur aus Stein darin. An der gegenüberliegenden Wand des Einganges wurde eine Sammlung von verschiedenen weißen Götterstatuen aus Marmor nebeneinander aufgereiht. Darunter befinden sich u.a. Shiva, Ganesha, Krishna und Radha, Hanuman und Durga. Vor jeder Gottheit hängt ein kleiner Baldachin. An der linken Wand sind Stühle und Tische aufgereiht, auf denen die Besucher sich nach der Puja zum Essen zusammenfinden. In einem kleinen Nebenraum hinter dem Ganeshaschrein befindet sich eine kleine „Tempelküche“, in der gekocht und auch die Puja-Vorbereitungen getroffen werden.

Traf sich die indische Gemeinde bisher nur zu Festen in gemieteten Räumen, dem indischen Museum oder in eigenen Kulturinstitutionen, hat sich jetzt in dem provisorischen Sporthallentempel die Möglichkeit eröffnet, die Götter täglich zu versorgen. So ist das Gelände von Montag bis Sonntag von 17.00 - 19.00 Uhr geöffnet, und es findet jeden Abend um 18.00 Uhr eine Puja statt. Diese wird abwechselnd von zwei ritualkundigen Männern aus Südindien, die von ihrer Herkunft her aber im Unterschied zu den tamilischen Priestern im Murugan-Tempel keine Brahmanen sind, zelebriert. Die meisten Besucher erscheinen am Samstag nachmittag, darunter auch einige Deutsche. Die hier stattfindende Puja beginnt im reichverzierten Holzschrein für den Gott Ganesha. Anschließend wandert der Priester zu den anderen Göttern und bringt auch ihnen nach oben beschriebenem Ritus die Opfergaben von Licht, Räucherstäbchen, Blumen und Wasser in Begleitung von Sanskrit-Mantren dar. Die rituelle Verehrung der Götter endet mit der Arati-Zeremonie, bei der die Besucher die Flammen des Lichtes berühren und zu ihrer Stirn führen. Die Gemeinde singt auch Hymnen für die Götter, sogenannte Bhajans, meist in Hindi oder Malayalam. Gleichfalls können jetzt die großen jahreszeitlichen Hindufeste, wie Ram Navami, Baisakhi, Raksha Bandhan, Krishna Janmastami, Ganesha Chaturthi, Durga Puja, Divali, Pongal und Shivaratri gefeiert werden. Für individuelle Feste und Rituale, wie z.B. eine Hochzeit, steht der provisorische Tempelraum ebenfalls zur Verfügung.

Mit der gemeinsamen Planung des neuen Ganesha-Hindu-Tempels, der der zweitgrößte Deutschlands, wenn nicht gar Europas werden sollte, sind die verschiedenen indischen Vereine auf  zahlreiche unterschiedliche religiöse, bautechnische und finanzielle Vorstellungen und damit auch an ihre Grenzen gestoßen, so dass auf dem gepachteten Gelände außer einigen Grundsteinen  und einem Ganesha-Plakat kaum etwas auf das geplante Projekt hinweist. Andererseits führte die Projektplanung zu einem Resultat, das eine völlig neue Situation für die indischen Hindus in Berlin darstellt: Durch die Innenausstattung der Sporthalle mit indischen Göttern sind sich die verschiedenen indischen „Festvereine“ näher gekommen. Der „neue“ Kultraum wird nun von sprachlich, religiös und ethnisch divergierenden Gruppen, die aus verschiedenen Bundesstaaten Indiens stammen, aufgesucht. Man hat jetzt, wenn auch längst nicht so, wie geplant, einen festen Ort, an dem die Götter weilen, an dem man regelmäßig einer Götterzeremonie beiwohnen und sich zu religiösen Festen treffen kann.

Gegenwärtige Situation der Berliner Hindus

Sri-lankischen und indischen Hindus ist gemeinsam, dass sie aus geographisch sehr eng beieinanderliegenden Heimatländern stammen, in denen die hinduistische Tradition fest verwurzelt ist und auf deren Boden sich die Mythologien der Götter abspielen. In Berlin gibt es mittlerweile zwei konstante Kultorte,  an denen sich ethnische Hindus zu den Ritualhandlungen treffen, zum einen den Tempel für den Gott Murugan in der Blaschkoallee und den „provisorischen“ Tempel für dessen Bruder Ganesha in der Hasenheide.  Während die sri-lankische Hindugemeinde ihr Vorhaben angefangen von der ersten Spendensammlung bis zur Eröffnung des Tempels innerhalb von 6 Jahren umsetzte, konnten die eigentlichen Baupläne der indischen Hindugemeinde bis auf die Grundsteinlegung bis jetzt nicht realisiert werden. Auch in ganz Deutschland  sind es bis jetzt sri-lankische Hindus gewesen, die feste Residenzen für ihre Götter errichtet haben, an denen Kultinitiatoren angestellt sind und eine ständige Verehrung der Götter nach hinduistischer Tradition erfolgt. Das mag unter anderem daran liegen, dass sri-lankische Hindus, die als Flüchtlinge hier leben und deren Rückkehr nach Sri Lanka nicht gewährleistet ist, viel stärker als indische Hindus, darum bemüht sind, ihre Traditionen in der Fremde so weiter zu führen wie im Heimatland. Zum anderen stellen sie als Tamil sprechende und meist shivaitisch orientierte Gruppe ethnisch und religiös gesehen eher eine Einheit dar. Unter indischen Hindus, bei denen es sich um ethnisch, sprachlich und religiös divergierende Gruppen handelt, die freiwillig nach Deutschland migriert sind, bestand das Bedürfnis nach einer festen religiösen Anlaufstelle lange nicht in der Intensität wie bei sri-lankischen Hindus, da sie ja stete Kontakte zum Heimatland Indien pflegen und dort auch ihre Rituale durchführen lassen.[7] Deshalb gestaltete es sich denn auch bei der Planung eines gemeinsamen Ganeshatempels als schwierig, die religiösen, bautechnischen und finanziellen Vorstellungen auf einen Nenner zu bringen. Jetzt führte die „gemeinsame Planung“ zu einer „gemeinsamen Bestückung“ der alten Sporthalle mit Götterschreinen und damit auch zu einer gemeinsamen Nutzung eines Götterraumes.

Eine Zusammenarbeit zwischen den Initiatoren beider Tempelvereine findet so gut wie nicht statt. Lediglich zur Bhumi Puja 2005 wurden die hauptamtlichen Priester aus dem damaligen Murugan-Tempel in der Urbanstraße in die Hasenheide gebeten, die besonderen Zeremonien der Grundsteinlegung zu zelebrieren, da nach hinduistischer Tradition eigentlich nur Brahmanen diese Rituale durchführen dürfen. Jedoch kommen auch indischstämmige Hindus, vor allem Studenten zum Beten in den sri-lankischen Murugan-Tempel.

Die Geschichte von der Weltumrundung der Götter Murugan und Ganesha hat in der tamilischen Tradition eine Fortsetzung:

 Als Murugan nach Hause kam und sah, dass Ganesha für dessen Idee belohnt wurde, war er so zornig, dass er sich vor Wut am Fuße des Berges Shivagiri im südindischen Tamil Nadu  zurückzog. Da machten sich seine Eltern Shiva und Parvati auf, um ihn zu suchen, und sein Vater beschwichtigte ihn mit den Worten: Die Frucht bist Du. (Tamil: Palam-ni). Nach diesem Satz wurde das Dorf Palani benannt, welches sich am legendären Rückzugsort Murugans befindet.

Beim Umkreisen des Universums war Ganesha schneller und erhielt die Frucht. Als es um den Bau ihrer Tempel in Berlin ging, schaffte es dieses Mal Murugan, zuerst am Ziel zu sein. Bleibt zu hoffen, dass die Planung eines Tempels für Ganesha auch noch eine architektonische Fortsetzung erfährt.  Anderenfalls verbliebe die innere Verwandlung eines Holzschschuppens in eine Tempelhalle für Hindugötter und damit der Übergang von einer temporären zu einer konstanten Kultsituation für indische Hindus die Frucht vielfältiger hindu-religiöser und bautechnischer Ideen.

 

 

[1] Bei der Einweihung eines Hindutempels ist es notwendig, mindestens 32 Kumbha-Töpfe mit geweihtem Wasser rituell einzusetzen.

[2] Landesamt für Statistik, Stand 2013.

[3] Der Hinduismus wird in drei große Hauptströmungen unterteilt: 1. Shivaismus, in dessen Zentrum der Gott Shiva sowie die Verehrung von Göttern der Familie Shivas stehen. 2.Vishnuismus, in dem es um die Verehrung des Gottes Vishnu geht und 3. Shaktismus, in dem eine Göttin, z. B. Durga oder Kali im Zentrum der Frömmigkeit stehen. Zu den Kennzeichen shivaitischer Tradition gehören, dass die Priester waagerechte Aschestreifen auf der Stirn tragen und Rituale aus dem rituellen Werk des Shiva Agama anwenden. Murugan und Ganesha gelten in der Mythologie als Söhne Shivas.

[4] Zur Eröffnung des Tempels siehe auch: Eißler, Friedmann, „Hindu-Tempel in Berlin“ in: Materialdienst , 11/13. S. 427

[5] Landesamt für Statistik, Stand 2013.

[6] Zur Situation afghanischer Hindus in Afghanistan und Deutschland ist folgendes Buch sehr empfehlenswert: Dass, Ischer, Die Gefährten Afghanistans, London 2003.

[7] Zur Kultsituation sri-lankischer und indischer Hindus in Berlin (bis 2007) siehe auch: Wobbe, Liane,  Hindus in der Diaspora. Studien zur Traditionsveränderung von Hindus aus Sri Lanka, Indien und Afghanistan in Deutschland, Dissertation, Freie Universität Berlin 2007.

Druckversion Druckversion | Sitemap

Dr. Liane Wobbe · Berliner Straße 100 · 13189 Berlin · Telefon: 030 47 90 73 94
info@lianewobbe.de · Impressum