Religionswissenschaftlerin und Indologin Wissenschaftliche Referentin für Weltreligionen Lehrbeauftragte für Indische Religionen
Religionswissenschaftlerin und IndologinWissenschaftliche Referentin für WeltreligionenLehrbeauftragte für Indische Religionen  

Hindus in der Diaspora: Hindus aus Indien, Hindus aus Sri Lanka, Hindus aus Afghanistan, Hindus aus Bali

Die Hindudiaspora in Deutschland lässt sich in 4 ethnische Hindugemeinschaften unterteilen:  Hindus aus Indien,  Hindus aus Sri Lanka , Hindus aus Afghanistan und Hindus aus Bali. Daneben gibt es wenige Hindus, die aus Nepal, Pakistan, Afrika, Mauritius oder Französisch-Guyana kommen und die Tempel der anderen Hindus meist mitnutzen.

Hindus aus Indien in Deutschland

Die Mehrheit der Inder, die in Deutschland leben, ließ sich in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren hier nieder. Es handelte sich dabei überwiegend um Studenten, Praktikanten und Akademiker, die freiwillig aus verschiedenen Bundesstaaten Indiens nach Deutschland migriert sind. Die sprachlich größten Gruppen bildeten Punjabis, Keralesen, Bengalen, Tamilen und Gutjeratis. Als Ärzte, Wissenschaftler und Geschäftsleute übten oder üben sie bis heute im Wesentlichen typische deutsche Mittelschichtsberufe aus. Neben Muslimen, Christen, Sikhs, Jainas und Parsen gehört die Mehrheit von ihnen dem Hinduismus an. Die religiösen Richtungen innerhalb des Hinduismus differieren allerdings sehr stark.  Neben den verschiedenen regionalen Gruppen finden sich Shivaiten, Vishnuiten, Durga- und Kali-Verehrer sowie zahlreiche Hindus, in deren religiösem Zentrum lokale Gottheiten Indiens stehen. Je nach regionaler Herkunft und Sprache schlossen sie sich seit den 1970er und 1980er Jahren in vielen Städten Deutschlands zu regional-indischen Vereinen zusammen, mit dem Ziel, regional- spezifische Feste auszurichten und soziale Hilfe zu leisten. So kam es z.B. in Berlin u.a. zur Gründung des Tamilischen Kulturzentrums, des Bengalischen Durga-Puja-Komitees, des Südindischen Indian Unity-Centers, eines Gutjerati-Vereins sowie eines Vereins von Mitgliedern aus Andhra Pradesh. Mangels steter Kulträume treffen sich die Vereinsmitglieder und deren Gäste in indischen Kulturinstitutionen, gemieteten Fabrikhallen oder Kirchenräumen, um wenigstens ihre Feste nach hinduistischer Tradition feiern zu können. Manche Hindus führen auch Zeremonien in ihren Wohnungen durch und lassen andere indische Hindus daran teilhaben. Die einzige Ausnahme bildet der Sri Ganesha Hindutempel in Berlin, ein Tempelprovisorium, das seit 2010 auf die Initiative der Indischen Hindugemeinde in Berlin entstand, an welchem täglich Rituale stattfinden und welches von indischen und afghanischen Hindus regelmäßig genutzt wird.


Literatur zu Hindus aus Indien in Deutschland

 

Wobbe, Liane,  Hindus in der Diaspora. Studien zur Traditionsveränderung von Hindus aus Sri Lanka, Indien und Afghanistan in Deutschland, Dissertation, Freie Universität Berlin 2007.

Wobbe, Liane, Zwei Hindugötter erobern Berlin. Der Wettlauf von Ganesha und Murugan, in: Materialdienst, 6/14, Berlin 2014, 210-222.Wobbe, Liane, Hindus und Hinduismus in der deutschen Diaspora, in Materialdienst, 1/04, Berlin 2004, 28-31.

Wobbe, Liane, Hindus und Hinduismus in Berlin, in: Nils Grübel, Stefan Rademacher (Hrsg.): Religion in Berlin - Ein Handbuch, Berlin 2003.

 

Tamilische Hindus aus Sri Lanka in Deutschland

Außerhalb Südasiens bilden sri-lankische Tamilen heute die größte Flüchtlingsgruppe, deren Migration auf die Anfang der 1970er Jahre einsetzenden politischen Konflikte zwischen buddhistischen Singhalesen und hinduistischen Tamilen zurückgeht. Forderungen der Rechte für Tamilen und eines eigenen Tamilstaates und Pogrome von Seiten der Singhalesen gegen tamilische Kämpfer und Zivilisten führten zum Bürgerkrieg zwischen beiden Gruppen und hatte eine Massenflucht der tamilischen Minderheit in nördliche Landesteile Sri Lankas, nach Südindien und in westliche Länder zur Folge. So waren es auch innerhalb Deutschlands bis jetzt hauptsächlich tamilische Hindus aus Sri Lanka, welche konstante Residenzen für ihre Götter errichtet haben, an denen Kultinitiatoren angestellt sind und ein regelmäßiger Götterdienst  nach hinduistischer Tradition erfolgt. Derzeit wird die Anzahl tamilischer Tempel in Deutschland auf 40 geschätzt. Sind die meisten tamilischen Zentren in Lagerräumen, Kellern oder Fabrikhallen untergebracht, existieren seit 2002 einige tamilische Tempel, deren Ikonographie und Architektur sich innen wie außen an dem südindischen Vorbild orientiert. Der bekannteste von ihnen ist der Sri Kamadchi-Ampal Tempel in Hamm Uentrop (2002), welcher mit 700m² den imposantesten und größten Hindu-Tempel in Deutschland darstellt. Es folgen der Sri Kurinchikumaran Tempel in Gummersbach (2008),  der Sri Muthumariamman Tempel in Hannover (2009, 140 m²) und der Sri Mayurapathy Murugan Tempel in Berlin (2013, ca. 200m²).

 

Literatur zu Tamilischen Hindus aus Sri Lanka in Deutschland

 

Back, Carina, Hindu-Tempel in Deutschland, Marburg 2007.

Baumann, Martin, Migration, Religion, Integration, Marburg 2000.

Baumann, Martin, Luchesi, Brigitte, Wilke, Annette (Hrsg.) Tempel und Tamilen in zweiter Heimat, Würzburg 2003.

Marla-Küsters, Diaspora-Religiosität im Generationenverlauf. Die zweite Generation srilankisch-tamilischer Hindus in NRW, Aachen 2015.

Wobbe, Liane,  Hindus in der Diaspora. Studien zur Traditionsveränderung von Hindus aus Sri Lanka, Indien und Afghanistan in Deutschland, Dissertation, Freie Universität Berlin 2007.

Hindus aus Afghanistan in Deutschland

Bei der dritten großen ethischen Hindugruppe handelt es sich um Hindus aus Afghanistan, deren Vorfahren vor allem aus den Provinzen Sindh und Pandjab im heutigen Pakistan stammen. Obwohl afghanische Hindus zur größten nichtmuslimischen Minderheit in Afghanistan und zur drittgrößten ethnischen Hindugemeinschaft  in Deutschland gehören, sind sie der deutschen Bevölkerung kaum bekannt. Doch wie kam es zur Ansiedlung von Hindus in Afghanistan? Archäologische Funde und historische Texte weisen auf eine bereits hinduistische und buddhistische Kultur Afghanistans in vorislamischer Zeit hin. Die Präsenz afghanischer Hindugemeinschaften hauptsächlich auf Einwanderungsetappen zwischen dem 16. und dem 18. Jh. zurückzuführen. In dieser Zeit kamen viele Hindu- und Sikh-Familien aus den heute pakistanischen Provinzen Multan und Sindh und ließen sich in heutigen afghanischen Gebieten nieder, um hier Handel zu treiben. Mit der Einrichtung von Bazaren, Tempeln und Verbrennungsstätten in den großen Städten, wie Kabul, Kandahar oder Jalalabad gelang es den eingewanderten Hindu- und Sikhgruppen, eine eigene Infrastruktur zu entwickeln und ihre religiösen und kulturellen Traditionen innerhalb einer muslimischen Gesellschaft zu pflegen. Als ethnische und religiöse Minderheit waren ihre Lebensbedingungen jedoch von unterschiedlichen Regierungsperioden abhängig. Mit der Machtübernahme der Sowjetarmee 1979 und dem daraufhin einsetzenden Bürgerkrieg erfolgten wiederum kritische Zeiten für diese ethnisch-religiöse Minderheit, und es kam zu ersten Übersiedlungen nach Deutschland und in andere westliche Länder. Eine zweite weitaus größere Fluchtwelle setzte ein, als die Mujaheddin im Jahr 1992 die Macht im Land übernahmen und Hindus und Sikhs einer direkten Verfolgung ausgesetzt waren. Als sich die Lage für Hindus und Sikhs unter der darauffolgenden Herrschaft der Taliban zu einer nie vorher dagewesenen Situation der Unterdrückung entwickelte, die von einer Kleidermarkierung, über Zwangskonvertierungen bis hin zu Enteignungen reichte, kam es zur dritten großen Fluchtwelle nach Indien, die USA und Europa. 2001 hatten bis auf 1000 Hindus Afghanistan verlassen und waren über Pakistan vor allem nach Indien,  in die USA oder nach Deutschland geflohen.

Heute leben in Deutschland ca. 10.000-15.000 afghanische Hindus und Sikhs, von denen die meisten Kriegsflüchtlinge sind. Nach indischen und sri lankischen Hindus gelten sie als dritte ethnische Hindugemeinschaft in Deutschland. Etwa zehn afghanische Hindugemeinden, zwei Sikhgemeinden und ein Dachverband afghanischer Hindus und Sikhs haben in 8 verschiedenen Städten ihre Tempel gegründet, von denen die Gemeinden in Köln (seit 1991), Hamburg (seit 1991), Essen (seit 1993) und Frankfurt am Main (seit 2002) die zahlenmäßig stärksten und auch repräsentativsten afghanischen Hinduzentren in Deutschland bilden. Weitaus kleiner sind die Gemeinden in Stuttgart (seit 2000), Kassel (seit 2002), München (seit 2006) und Berlin (seit 2012).

 

Literatur zu Hindus aus Afghanistan:

 

Akkoor, Chitra Venkatesh, Ways of speaking in the Diaspora: Afghan Hindus in Germany, Iowa Research 2011.Online: http://.ir.uiowa.edu/etd/915

Dass, Ischer, Die Gefährten Afghanistans, London 2003.

Hutter, Manfred, Afghanische Hindus in Deutschland, in: Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 14/2006, EL.

Hutter, Manfred, Afghanistan und seine vergessenen Hindus, ZfR 17/2009, 149-164.

Piassa, Om Perkash, Eine Reise in die Vergangenheit der Hindus und Sikhs in Afghanistan, Aachen 2015.

Wobbe, Liane, „Mit Jhulelal von den Ufern des Indus über Afghanistan nach Deutschland. Afghanische Hindugemeinden in Deutschland“ , in: Materialdienst 12/15, 2015.

Wobbe, Liane, Hindus in der deutschen Diaspora. Studien zur Traditionsveränderung von Hindus aus Sri Lanka, Indien und Afghanistan in Deutschland, Dissertationsschrift, Freie Universität Berlin 2007.

 

 

Hindus aus Bali in Deutschland

Der Hinduismus, von den Balinesen als Agama Hindu Dharma bezeichnet, gelangte ab dem 10. Jh. mit indischen Brahmanen auf die indonesische Insel. Hier vermischte er sich mit zahlreichen anderen bereits ansässigen indigenen Religionsformen und bestehenden Elementen des Mahayana-Buddhismus.Nach Deutschland kamen Balinesen seit den 1990er Jahren zum Studieren, Arbeiten oder durch Heirat. Die Anzahl ihrer Gemeinschaft beläuft sich nach Schätzungen der Mitglieder auf etwa 200. Kleinere Gemeinden gibt es in Köln, Hamburg und Berlin. Aufgrund der geringen Zahl und der starken Rückbindung an Bali führen sie die meisten Zeremonien im häuslichen Bereich oder bei Besuchen in ihrem Heimatland durch. Dennoch haben sich mittlerweile in Deutschland zwei balinesische Hindutempel etabliert, an denen, wenn auch vor allem festbedingte, so doch regelmäßige Zeremonien stattfinden. So wurde der balinesische Hindutempel Pura Sangga Bhuwana (Säule des Kosmos) am 20. Mai 2010 auf dem Gelände des Völkerkundemuseums in Hamburg feierlich eröffnet. Zwei Stelen stellen symbolisch die Sitze der Götter dar, wobei der größere als Padmasana, als Lotosthron dem höchsten Gott Sang Hyang Widhi gewidmet ist. Die andere Stele symbolisiert den Thron des Wächtergottes Taksu, für den die Gläubigen die Zeremonie vollziehen, bevor sie ihrem höchsten Gott huldigen. An religiösen Feiertagen und Vollmond- und Neumondtagen werden hier von zwei Priestern Zeremonien vollzogen, begleitet von den Opfergaben der Gläubigen. Auch in Berlin ließ die balinesische Hindugemeinschaft, die aus etwa 50 Mitgliedern besteht, in den Gärten der Welt den Tempel Pura Tri Hita Karana (Tempel der drei Harmonien) errichten und 2012 erstmalig von einem Priester aus Bali einweihen. Neben zwei Steinstelen, die die Göttersitze darstellen, der größere Padmasana, der der höchsten Gottheit geweiht ist, und der kleinere Penglurah für die Wächter-Gottheiten, befinden sich auf dem Tempelgelände selbst vier Schreine, für die Ahnen, deren Botschafter, den Sekretär der Götter und den Sonnengott Surya. Seit 2012 wird hier einmal jährlich das Odalan-Fest, der Jahrestag der Einweihung des Tempels gefeiert, an dem Balinesen aus ganz Deutschland teilnehmen. Seit 2017 trifft sich die balinesische Hindugemeinde in Berlin einmal im Monat zum Vollmondtag zu einer gemeinschaftlichen Zeremonie, die von einer Priesterin geleitet wird.

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Literatur zu Hindus aus Bali

Eisemann, Fred B., Bali: Sekala & Niskala. Essays on Religion, Ritual and Art, North Clarendon 1990.

Hutter, Manfred, „Innerhinduistischer Pluralismus in Indonesien als Ursache für Kritik“ in: Hutter M. (Hrgs.), Religionsinterne Kritik und religiöser Pluralismus in Südostasien, Frankfurt a.M. 2008.

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